Ein Gefängnis ohne Mauern – oder Dürrenmatt hatte recht

 

Friedrich Dürrenmatt (1921 – 1990) war einer der wenigen Schweizer Autoren mit Weltruf. Als junger Mensch war er mir intellektuelles Vorbild, die Schärfe seiner Gedanken, das Übertreibende, das Sarkastische, die Präzision der Sprache, alles unglaublich gut. Im Alter wich Dürrenmatts gesundes Selbstbewusstsein dem Narzissmus, die Ironie der Arroganz, ich fühlte mich ein wenig verraten und habe mich als Fan abgewandt. Ich wollte nicht Teil seiner Selbstbeweihräucherung sein. In dieser Altersphase verglich Dürrematt 1990 in einer legendären Rede die Schweiz mit einem Gefängnis. Das Gefängnis habe und brauche keine Mauern, die Gefangenen bewachten sich selbst, da sie ihr Gefangensein für Freiheit hielten und diese verteidigten, in dem sie gleichzeitig Wärter seien. Obwohl nicht rechtskonservativ, empfand ich die Rede damals als bösartige Nestbeschmutzerei, das Vorbild war zum Haar-in-der-Suppe-Sucher verkommen. Die Rede ist auf Youtube, reinhören lohnt sich.

Jetzt, dreissig Jahre später, rehabilitiere ich den alten Dürrenmatt. Nicht der Schweiz wegen, sondern wegen des kraftvollen Bildes des Gefängnisses ohne Mauern, in dem sich die Gefangenen selbst bewachen. Ersetzt man in der damaligen Rede die Schweiz durch die SOZIALEN MEDIEN und lässt damalige Aktualitäten weg: Es bleibt eine scharfsichtige Analyse der heutigen Lebensrealität.

Unsere Gefangenschaft begann mit dem «Zuletzt online» auf Whatsapp. Zwar hält jeder die Lüge hoch, es mache ihm gar nichts aus, wenn ein begehrter Kommunikationspartner zwar online ist, es aber offenbar bevorzugt, mit anderen zu chatten. WARUM hat er offenbar mit der halben Welt geschrieben, nur mit mir nicht? Niemand hält es aus, der schmerzhafte Stachel im Fleisch macht einem zum überwachenden Gefängniswärter. Interessant ist, dass die emotionale Not erst durch die technische Möglichkeit der Überwachung überhaupt entsteht. Natürlich haben viele diese Funktion deaktiviert, um sich vor sich selbst zu schützen, aber ähnliche Features auf anderen Plattformen übernehmen sofort.

Eine extreme Ausprägung hat mir jüngst meine Teenager-Tochter gezeigt: Snap-Map. Der Standort aller Freunde und Klassenkameraden ist jederzeit sichtbar. Die Harry Potter`sche «Karte des Herumtreibers» gibt es nun also wirklich, aber nicht als einmaliges Zauberartefakt, sondern jedem eine. Damit ist öffentlich, wer sich mit wem trifft, Erklärungsnotstände hüben wie drüben. Mit Snap Map ist fertig im Geheimen mit anderen abgehängt. Jeder Sozialkontakt wird begründungspflichtig, ein unerhörter Verlust an Freiheit. Wer die Funktion abstellt, hat etwas zu verbergen oder ist generell «asi», also sozial isoliert.

Dürrenmatt wird uns von oben herab beobachten und – wohl schmunzelnd, weil seine Metapher Realität geworden ist – sehen, wie die Gefangenen ihre eigenen Wärter sind. Es braucht weder Mauern noch Gitter, nur Handys. Im Handygefängnis fühlen sich die Menschen geborgen, also frei. Jeder Gefangene beweist mit seinem Wärtersein seine Freiheit. Was die Menschen mehr fürchten als alles, ist ungewolltes Offline-Sein.

Spannend doch auch, dass in China der Staat die Bürger über das Handy engmaschig überwacht. Bei uns unvorstellbar, sagen alle, zu wichtig hier im Westen die individuelle Freiheit. Dabei benötigen wir den Staat nicht einmal, um uns jubelnd in Gefangenschaft zu begeben.

 

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