Bachelorwahn und Rekrutierung

Der Bachelorwahn gefährdet das Rekrutierungsmodell der KMU

«Lebenslange Bildung als Voraussetzung für eine erfolgreiche Berufskarriere», die Losung ist seit Jahrzehnten aktuell. Natürlich zu Recht, welches Unternehmen will sich schon mit stagnierenden oder schlechter werdenden Mitarbeitenden herumschlagen? Verständlich sind daher die Bemühungen des HR, sich im Auswahlverfahren hieb- und stichfest der Lernbereitschaft der Bewerbenden zu versichern. Wie geht das einfacher als mit dem Einfordern von Diplomen? So verbreitet sich am Arbeitsmarkt immer mehr die Meinung, möglichst viele Diplome seien der Schlüssel zu einem Leben ohne Jobsorgen. Getrieben wird dieser Trend erstens von angelsächsisch geprägten Grosskonzernen, deren Management unser Bildungssystem nicht kennen und faktisch nur noch Bachelors einstellen. Zweitens vom Bund, dem die internationale Vergleichbarkeit von Schulabschlüssen wichtiger ist, als die Anforderungen der heimischen Wirtschaft.

Der daraus resultierende «Bachelorwahn» ist ein frontaler Angriff auf unser erfolgreiches duales Bildungssystem. Ein anspruchsvolles Gymnasium (maximal 20% Maturaquote pro Jahrgang) oder eine solide Berufslehre mit der Möglichkeit, in der Höheren Berufsbildung spezifisch weiterzukommen, haben die Schweiz zur Produktivitäts- und Innovationsweltmeisterin gemacht. Die KMU setzen weiterhin auf den Berufsbildungsweg, um qualifiziertes Personal und mittleres Kader aufzubauen. Doch woher nehmen, wenn es bald nur noch Studienabgänger gibt, die kaum eine Minute gearbeitet haben? Es gibt Politiker, welche – man staune – eine Maturaquote wie in Deutschland (50%) oder Frankreich (80%) fordern. Ein solches «Gymi für alle» würde das Maturitätsniveau auf unter null senken und die qualitativ hochstehende Berufslehre zerstören.

Angesichts der Herausforderungen der Industrie 4.0 ist es doppelt wichtig, dass wir die praxisorientierte Bildung hochhalten – gefordert sind hier in erster Linie die HR-Verantwortlichen. Die Leistung im Job lässt sich nur beschränkt vom Diplom ableiten. Den Partnerfirmen unserer (praxisorientierten) Schule empfehlen wir, neben den Schulnoten besonders auf die Bereitschaft der Bewerbenden zu achten, aus eigenen Fehlern zu lernen. Oder auf freiwillige Engagements: Wer in der Freizeit als Pfadileiterin, Fussballtrainer oder für eine Tierschutzorganisation aktiv ist, zeigt in der Regel auch am Arbeitsplatz die Bereitschaft, unaufgefordert Extrameilen zu gehen und selbständig Probleme zu lösen. Solche Persönlichkeiten bringen Unternehmen und Volkswirtschaft voran.

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