Bülachisierung der Schweiz

26. Mai 2022, Auffahrtsdonnerstag, 12 Uhr mittags, unsere Gäste melden Verspätung wegen Stau. Um diese Zeit? Ein Blick auf Google Maps zeigte Unerhörtes: Das ganze Land versank im Stau, jede kritische Stelle im Strassennetz war rot eingefärbt. Natürlich, hat das Volk frei, werden die Motoren angeworfen, man lebt Mobilität. Die Menschen brauchen vor allem in der Freizeit immer mehr der freien Ressource «Land». Zusammen mit dem Bevölkerungswachstum führt das zu zunehmendem Dichtestress zwischen Boden- und Genfersee. Die Infrastruktur konnte unmöglich mit diesen Entwicklungen mithalten. Was ein Glück ist, sonst hätten wir längst keine Grünflächen mehr.

Ich bin wohl aufgrund meiner Herkunft empfindlich auf das Thema. Aufgewachsen in Bülach ZH, einst ein nettes Landstädtchen mit 13'000 Einwohnern, ist der Ort heute nicht mehr zu erkennen. Er hat nun doppelt so viele Einwohner, die Grünflächen sind alle weg, eine charakterlose Auswucherung der Grossstadt Zürich-Nord.

Der zunehmende Landverbrauch ist nicht gratis: Laut Pro Natura sind 60% der Insekten-Biomasse in den letzten Jahren verschwunden – ein alarmierendes Zeichen, dass die natürliche Nahrungskette vor dem Kollabieren steht. Auch 40% der Brutvögel und so gut wie alle Amphibien sind gefährdet. Wir sind dabei, unser Land in eine biologisch tote Wüste zu verwandeln. Das ist unglaublich schade.

In der Freizeitgesellschaft nimmt sich der Mensch, was er kann, respektive was seine Motoren hergeben. Wer da auf Selbstbeschränkung hofft, wird sicher enttäuscht. Auch das Bevölkerungswachstum wird ungebremst weitergehen, die Personenfreizügigkeit führt in ganz Europa zu asymmetrischer Besiedelung. Die einen Regionen überquellen, während sich andere entleeren. Migration geht immer in Richtung hohes BIP pro Kopf und da sind wir Weltspitze.

Wir können die Bülachisierung des Landes einfach geschehen lassen oder wenigstens überlegen, ob wir das wirklich wollen. Diese Diskussion vermisse ich in der Politik. Konkrete Lösungsansätze liegen noch nicht viele bereit, also höchste Zeit für ein nationales Brainstorming. Singapur etwa versteigert seine knappe Landfläche – das Recht, ein Auto zu besitzen kostet über 10'000 Franken im Jahr. Aus wirtschaftlicher Sicht wäre eine solche Bepreisung der knappen Ressource Land ein gangbarer Weg. Einen anderen Ansatz verfolgt das Schweizer Waldgesetz aus dem Jahr 1911. Die Waldfläche wurde bis heute auf dem damaligen Stand konserviert. Man könnte nun die nicht versiegelte Fläche ähnlich auf heutigem Stand belassen. Jede dieser Lösungen hat massive Konsequenzen für viele Lebens- und Wirtschaftsbereiche und deshalb politisch einen schweren Stand.

Das Bevölkerungswachstum bietet im Alltag viele praktische Vorteile: Märkte wachsen, Immobilienbesitzer erfreuen sich steigender Preise, Steuereinnahmen steigen. Wachstum ist generell ein gutes Gefühl und ist gut fürs Portemonnaie. Dennoch mutet es weltfremd an, wenn Wirtschaftsverbände die Zuwanderung von 500'000 Fachkräften in den nächsten Jahren fordern. Nur so bliebe die Volkswirtschaft wettbewerbsfähig und nur so könnten wir die Zukunft der AHV sichern. Über den Daumen gepeilt wären dies 1.5 Millionen zusätzliche Einwohner. Wo bitte sollen sie wohnen, arbeiten, ihre Freizeit verbringen? Und was geschieht mit der AHV, wenn diese Menschen auch alt sind?

Die Wirtschaft soll für die Gesellschaft da sein und nicht umgekehrt. Daher kann ich als Volkswirtschaftler nur eine alte Weisheit wiederholen: Man sollte Bevölkerungs- und Wirtschaftspolitik nicht vermischen. Neue Leute konsumieren und produzieren, es sind immer beide Seiten der Medaille abgedeckt. Man soll zuerst die Bevölkerungsfrage klären und erst im zweiten Schritt der Wirtschaft schöne Rahmenbedingungen schaffen.

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