Der Realitäts-Check: Wie dogmatisch sind Sie?

Dogma und Realität

1633 zwang die katholische Kirche den Universalgelehrten Galileo Galilei zum Widerruf seines heliozentrischen Weltbildes. Der dogmatische Glaubenssatz «Die Erde steht im Zentrum aller Bewegungen der Himmelskörper» siegte über die im Fernrohr beobachtbare Tatsache, dass sich beispielsweise um den Jupiter etliche Monde drehen. Die Inquisition verweigerte sogar den Blick durchs Fernrohr mit der Erklärung, das Durchsehen sei unnütz, da es diese Monde ja nicht geben könne. Gegen tief verinnerlichte Dogmen ist die beobachtete Realität erstaunlich kraftlos. Die Kirche revidierte ihre Haltung erst 1822, etwa sieben Generationen später. Darüber wird heute an jeder Schule zu Recht gelacht.

Aber Vorsicht: Das Lachen fusst leicht auf der Überzeugung, heute könne sich so etwas unmöglich wiederholen. Wir haben schliesslich Schulen, Wissenschaft, Internet und all die anderen schlauen Dinge.

Eine Randnotiz im internationalen Teil der Zeitung gab mir diesbezüglich schwer zu denken. Der Kommandant der deutschen Marine musste auf Druck seiner Regierung seinen Posten räumen. Er hat sich auf irgendeiner Konferenz in Indien (!) nicht so verhalten, wie es seinem Amt angemessen gewesen wäre. Zugegeben, es waren einige wenig geschickte Äusserungen mit dabei, aber im Kern hat er nur festgestellt, dass die Krim auf absehbare Zeit russisch bleibe. Man mag von den Vorgängen in Russland und der Ukraine halten, was man will: Diese Aussage entspricht absolut den realistischen Erwartungen für die Zukunft. Es ist die schlichte «Wahrheit».

Für die deutsche Regierung war der Admiral indes nicht mehr tragbar, weil nach deren Dogma die Krim zur Ukraine gehört. Dies ist wohl völkerrechtlich korrekt, nur völlig irrelevant für den Alltag der Menschen dort. Zudem soll sich ein hoher Offizier bitte aufs Militärische fokussieren; da ist die Krim bis auf absehbare Zeit potenzielles Aufmarschgebiet russischer, nicht ukrainischer Kräfte. Ich fände es tröstlich, wenn die Generäle in Westeuropa grundsätzlich der Realität ins Auge blicken dürften. Das politisch verordnete Denk- und Sehverbot fühlt sich unbehaglich an. Was sich früher in der katholischen Kirche zutrug, passiert heute in der Regierung des grössten EU-Landes. Schon krass.

Dogmen als identitätsstiftende Ideen haben auch ihr Gutes. Zwischenmenschliche Beziehungen werden dadurch genormter und einfacher. Gute Dogmen sind für den Zusammenhalt der Menschen in allen Arten von Institutionen überlebenswichtig, betreffe es nun ein Staatswesen, eine Firma oder sogar eine Paarbeziehung.

Wie stark soll die Interpretation der Realität zu Gunsten von Dogmen gebeugt werden? Im Zwischenmenschlichen stellt sich diese Frage uns allen. Den Chefs unter uns stellt sie sich für die Institution oder das Team, für das wir verantwortlich sind. Früher mal sinnvolle Dogmen werden mit der Zeit falsch, weil sie starr bleiben in der sich verändernden Welt. Wann anpassen, wann beharren? Ich wünsche Ihnen allen, dass sie sich diese Frage stellen und erkennen, wann ein Dogma reformiert werden muss. Der Grat zwischen Starrsinn und Beliebigkeit ist verdammt schmal.

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