Die Konjunkturillusion

Ich predige Wasser und trinke Wein, muss ich mich doch dessen schuldig bekennen, wogegen ich in dieser Kolumne anschreibe. Jahrelang habe ich als Volkswirtschaftsdozent den Akzent auf die Konjunkturtheorie gelegt und die enormen Schwankungen der Marktwirtschaft drastisch mit Massenarbeitslosigkeit untermalt. Es wurden Vor- und Nachteile verschiedener wirtschaftspolitischer Rezepte diskutiert. So wie es schliesslich in jedem VWL-Buch steht. Nie hat jemand etwas dagegen gesagt. Und doch: Es war Müll. Ständige Wiederholung ist schliesslich kein Beweis für Wahrheit.

Es gibt keine Konjunktur mehr; das Wachstum der Wirtschaftsleistung (BIP) ist in allen entwickelten Ländern praktisch konstant, Stellen hinter dem Komma sind dabei vernachlässigbar. Das beste Fachbuch auf dem Schweizer Markt führt als jüngstes Beispiel für eine Schwankung die Hochkonjunktur aus den 1980er-Jahren an. Das ist nun 40 Jahre her.

Warum gibt es keine Konjunktur mehr? Haben sich die oben erwähnten politischen Rezepte als wirksam erwiesen? Natürlich
nicht, die Ursache ist struktureller Art. In den ersten 150 Jahren der Industrialisierung waren die meisten Menschen in der Investitionsgüterindustrie beschäftigt. Dort sind die Schwankungen extrem: Bei guten Zukun&saussichten investieren ALLE, bei schlechten NIEMAND. Mittlerweile sind die Investitionsgütermärkte weltweit gesättigt, «die Wirtschaft ist gebaut», könnte man sagen.

Etwa 90 Prozent der Arbeitsplätze sind heute im Dienstleistungsbereich oder in der Konsumgüterproduktion, die noch nie grossen Schwankungen unterworfen waren. In einer Wohlstandsgesellscha& mit dichtem sozialem Netz fehlt die persönliche Krisenerfahrung, niemand ändert sein Konsumverhalten aufgrund einer schlechten Zukunftsaussicht. Dieser Umstand stabilisiert das System. Das war in armen
Gesellschaften ganz anders.

Der wirtscha&liche Fortschritt, die ungeheure Güterfülle unserer Zeit, hat die Konjunkturschwankungen beseitigt. Damit ist ein grosses Übel früherer Zeiten aus der Welt, zweifellos eine gute Nachricht. Es sei damit nicht gesagt, dass es keine wirtschaftlichen Schwierigkeiten mehr gibt, aber sie sind struktureller, nicht mehr konjunktureller Natur.

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