Ein paar Tropfen und der Ozean

Diesen Frühling erleben wir einiges zum ersten Mal. Notrecht, Lockdown, Virus, Verschwörungstheorien, bedrohlich ist das bis jetzt nicht wirklich. Bedrohlich ist hingegen die Erkenntnis, dass gewaltige Wissenslücken existieren. Dass wankelmütige «Experten» offensichtlich keinen Plan haben und ihre Massnahmen ins Blaue hinein beschliessen.

Die Illusion ist natürlich beruhigend, durch unser fortgeschrittenes Wissen seien wir allen früheren Generationen weit überlegen, die Probleme der Welt werden damit als grundsätzlich lösbar eingestuft. Güterfülle statt Mangel, Friede statt Krieg, globale Reiserei statt immer gleiches Dorf, Bildung statt Analphabetismus, Freizeit statt Arbeit, Möglichkeiten statt Vorherbestimmung, es gibt eine Fülle von Argumenten. Eigenes Unwissen wird zwar hingenommen, man kann ja nicht alles im Kopf haben. Aber man tröstet sich mit der Vorstellung, dass es irgendwo «oben», in der Regierung vielleicht oder ganz sicher in der Wissenschaft, gescheite Leute gibt, die «alles» wissen.

Anfang April auf Blick-online: Die sechs ersten Artikel machen alle voll auf Alarm. Drei davon besagen, dass das Virus sehr gefährlich und der Lockdown in aller Konsequenz nötig sei, die anderen drei das Gegenteil. Eine Handschrift der Redaktion fehlt, man überlässt die Bewertung dem überforderten Leser. Persönlich habe ich gefühlt alle drei Minuten meine Meinung geändert. Was soll man also glauben im breiten Spektrum zwischen Virus-Paranoikern auf der einen und Verschwörungstheoretikern auf der anderen Seite? Dass sich jede Theorie und Untertheorie sofort auf «unfehlbare» Wissenschaftler beruft, geht mir bereits dermassen auf die Nerven, dass ich Beiträge, in denen «Harvard», «ETH» oder sonst eine Eliteuni vorkommt, automatisch in den Spam verschiebe. Bei Corona ändern die Parameter für die Infektionsmodelle alle paar Stunden. Damit ändern auch die sinnvollen Massnahmen. Es kann gar nicht nach wissenschaftlichen Kriterien entschieden werden, weil die Daten noch lange nicht verlässlich sind.

Als Ökonom bin ich mir den Umgang mit fehlendem Wissen bei «denen da oben» schon länger gewohnt. Wie an dieser Stelle schon mehrfach erwähnt, laufen die Geldmengen seit zehn Jahren komplett aus dem Ruder, ohne dass die Entscheidungsträger auch nur ungefähr eine Ahnung hätten, wo die Reise hingeht. Wenn ich diesen Fakt vortrage, stosse ich häufig auf Ungläubigkeit. Man gibt mir zu verstehen, dass ich mich nicht mit billiger Kritik interessant machen solle. Ich kontere jeweils mit einem Zitat des englischen Physikers Isaac Newton: «Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ein Ozean.» Heute sind wir zweifellos weiter als damals, zehn, zwanzig Tropfen sind es bestimmt. Aber die erdrückende Last des Nichtwissens bleibt und wird immer bleiben. Tragen wir diese Last mit Würde und werfen die naive Vorstellung der «Super-Experten» über Bord.

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