Kobraeffekte

Kobraeffekte im öffentlichen Ausschreibungswesen

Ein bekannter volkswirtschaftlicher Begriff lautet «Kobraeffekt». Man bezeichnet damit ein Anreizsystem, das ein anderes Ergebnis hervorbringt, als eigentlich beabsichtigt. Der Begriff geht auf eine Schlangenplage im Indien des 19. Jahrhunderts zurück, wo die Regierung Prämien auf tote Kobras ausgesetzt hatte. Die Bevölkerung begann daraufhin, die Tiere zu züchten, anstatt sie zu fangen.

Aktuellere Beispiele finden sich überall. So bei den Banken, deren Bonussysteme die Belegschaft zu besseren Leistungen anreizen sollen, jedoch vor allem die Risikobereitschaft in unvernünftige Höhen treibt.

Auch die Kinderkrippe wähnte sich klug, als sie begann, 25 Franken fürs zu späte Abholen der Kinder zu verlangen. Mit der Konsequenz, dass die zahlenden Eltern reinen Gewissens noch viel später auftauchten.

Sogar ganze Gesellschaften irren sich: Das Schweizervolk hat vor einigen Jahren die Abzockerinitiative angenommen. Seither müssen die Managersaläre im Jahresbericht offengelegt werden. Die Scham sollte zu einer freiwilligen Reduktion führen, so die Absicht. Die Lohnspirale dreht sich jedoch seither nach oben. Nun weiss jeder CEO, was in gleichartigen Funktionen verdient wird und verlangt ein wenig mehr – man ist schliesslich besser als der Durchschnitt. Auch der Verwaltungsrat will nicht bloss Durchschnittsmanager und ist gerne bereit, überdurchschnittlich zu entlöhnen.

Analog lässt sich auch im Ausschreibungsrecht feststellen, dass aus Gutem auch Schlechtes entstehen kann. Jahr für Jahr verschärfen sich die Regeln, um den Wettbewerb noch fairer zu machen, sowie Korruption und Vetterliwirtschaft auszurotten. Unsere Volkswirtschaft soll dadurch produktiver und wettbewerbsfähiger werden. Entstanden ist jedoch eine aufgeblähte Bürokratie in den offerierenden Unternehmen und beim beschaffenden Staat. Grosse Vergaben werden in der Regel angefochten und verkommen damit zu Juristenfutter. Damit schaffen wir unproduktive Wasserköpfe – mit wohl bescheidenem Nutzen: Die öffentliche Hand beschafft teuer wie eh und je.

Selbstverständlich brauchen wir eine massvolle Submissionsgesetzgebung, aber wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Statt den Entscheidungsträgern zu ermöglichen, sich hinter gesetzlich vorgegebenen Verfahren zu verstecken, sollen sie für ihre Auftragsvergabe persönlich die inhaltliche Verantwortung gegenüber unterlegenen Offerenten und der Öffentlichkeit übernehmen.

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