Neue Langsamkeit

KEIN Sex ohne Gummi, KEIN einziges Mal. Dies hat der Bund seinerzeit bei der HIV-Epidemie fast direktiv verordnet. Vielleicht wurde damit den Jugendlichen das Entdecken der Sexualität vergällt, aber gegen die Seuche hats gewirkt.

Die Reaktion vom Bund auf die Corona-Krise dagegen ist verwunderlich. Auch ohne Fachwissen in Virenkunde kristallisieren sich zwei sinnvolle Optionen heraus. Erstens kann die Regierung das Virus für gefährlich erklären und mit griffigen Massnahmen reagieren. Was unweigerlich eine unbeschränkte Ausgangssperre bedingte. Die Versorgung mit Strom und Lebensmitteln würde innert Tagen zusammenbrechen, das Chaos wäre vorprogrammiert. Zum Glück sieht es der Bundesrat nicht so eng.

Die zweite Option wurzelt in der gegenteiligen Ansicht, es seien keine Massnahmen notwendig, ausser dem Schutz gefährdeter Personen in Altersheimen oder Spitälern. Dies würde jedoch den Eindruck der Untätigkeit erwecken. Also verordnen Bund und Kantone Massnahmen, die zwar kaum wirken, aber den Eindruck schaffen, man habe die Lage im Griff. Es hat ja niemand ernsthaft das Gefühl, dass partielle Versammlungsverbote bei gleichzeitig stattfindendem ÖV, geöffneten Schulen und Firmen die Ausbreitung des Virus verhindern könne.

Das Management der grossen Firmen zieht nun nach. Externe Sitzungen werden untersagt, man verbietet den Mitarbeitenden den ÖV und das Händeschütteln. Als Krönung gibt es nun in einer Firma die Regel, dass bloss die Hälfte der Belegschaft gleichzeitig in den Büros sein darf, während die andere Hälfte frei hat.

Wirtschaftlich sind die Alibi-Massnahmen ein Desaster. Ich müsste also über eine drohende Rezession, unterbrochene Lieferketten und fallende Börsenkurse schreiben. Lieber jedoch schliesse ich mit dem Aufruf, diesen Massnahmen Gutes abzugewinnen.

Der Druck auf uns Menschen in der Schweiz ist normalerweise enorm: Überfüllte Züge und Strassen, Erfolgsdruck im Geschäft, Konkurrenz, durchgetaktete Agenda und auch in der Freizeit immer überall viele Leute. Nun hat dieser Druck plötzlich nachgelassen, die Welt dreht sich spürbar langsamer, steigende Freiheitsgrade im Leben machen sich bemerkbar. Schätzen Sie diese neue Gemütlichkeit. Sie wird rasch genug wieder vorbei sein…

 

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