Schöne neue Arbeitswelt

Bürodesign und Ideologie

Ich habe häufig Gelegenheit, Arbeitsplätze in verschiedenen Branchen zu sehen. Dabei achte ich mit grossem Interesse auf die weichen Faktoren, nenne man diese nun Atmosphäre, Grundstimmung oder Unternehmenskultur. Die Unterschiede sind immens, auch innerhalb der gleichen Branche. Wie sich übrigens auch die «Vibes» in procure-Klassen stark unterscheiden. Seit Jahren versuche ich den Gründen auf die Spur zu kommen. Bis jetzt ohne benennbares Ergebnis, «es ist einfach so».

Vor kurzem durfte ich ein neu gebautes Bürogebäude eines Grosskonzerns besichtigen. Zwar in der Agglo gelegen, aber verkehrsmässig bestens erschlossen. Edelste Materialien, Spezialanfertigungen überall, noch der letzte Teppich ist designt und mit dem Tisch darauf farblich abgestimmt, überall hochwertige Kunst. Zudem Wohlfühlzonen noch und noch, Gratisessen und -trinken, überdurchschnittliche Löhne. Ein fantastischer Arbeitsort, dachte ich. Beim Rundgang aber die komplette Überraschung: Die Stimmung war spürbar düster. Statt kommuniziert wurde ängstlich geflüstert, versteinerte Mienen, niemand schien Spass zu haben.

Es stellte sich heraus, dass beim Bezug des Gebäudes vom «klassischen» Konzept umgestellt wurde auf «neue Arbeitswelt», inspiriert von den grossen IT-Firmen. Keine persönlichen Arbeitsplätze mehr, keine reservierbaren Sitzungs- oder Rückzugsräume, auseinandergerissene Teams (dafür eine App, um die Leute zu finden), kaum mehr physische Strukturen. Morgens um sechs seien die guten Plätze bereits belegt, bei Sitzungen müsse man durchs Gebäude rennen, um einen freien Raum zu finden oder mit Kunden in die Cafeteria sitzen.

Dies alles soll Kreativität und Kommunikation fördern. Auch aus Kostensicht ist der Ansatz nachvollziehbar: Es braucht bloss 70% Arbeitsplätze für die ganze Belegschaft. Unverständlich ist jedoch, warum die «neue Arbeitswelt» gleich so radikal umgesetzt wird. Es ist doch kein Problem, zwar die fixen Plätze aufzuheben, ohne den Angestellten gleich jegliche Strukturierungsmöglichkeit und Privatsphäre zu nehmen und so brutalen Stress auszulösen. Die konzipierende Beratungsfirma hat das Konzept mit dem Killerargument auf die Spitze getrieben: «Die Jungen wollen das so». Stimmt zwar nicht, viele Jungen sehnen sich nach Sicherheit und Struktur. Aber wie sollen sich 40- bis 65-jährige Entscheidungsträgerinnen und -träger gegen dieses Argument wehren?

Ich bin gespannt auf die Fortsetzung der Geschichte.