Virus und Korruption

Was mich erstaunt und beängstigt, ist die Wut und Aggressivität der Corona-Massnahmen-Gegner. Als Präsident eines Sportvereins wurden in meinem Namen die BAG-Schutzkonzepte für Juniorentrainings verschickt. Daraufhin wurde ich von mir unbekannten Menschen in einer bemerkenswerten Intensität beschimpft, geifernd, verbittert, scheinbar zu vielem bereit. Ein dümmlicher Handlanger des Systems sei ich, keinen Dreck besser als ein Nazi-Scherge. Als historisch bewanderter Mensch schockieren mich diese Vergleiche. Zudem fühle ich mich unschuldig: es beschleicht mich selbst ab und an der Gedanke, ob dieses Virus all die Massnahmen rechtfertige, immerhin haben wir unsere Gastro und unsere Kultur geopfert.

Die Argumente der Massnahmengegner mögen im Einzelnen durchaus nachvollziehbar sein. Ja, die Studien zu Impfstoffen und Ansteckungen stammen von der Pharma. Ja, die Pharma profitiert von der aktuellen Lage. Ja, der Kapitalismus fördert die Gewinninteressen der Konzerne. Ja, die Politik wird von den Konzernen beeinflusst. Aber deswegen gleich total durchdrehen?

Jede Gesellschaft in der Geschichte weist korrupte Strukturen auf, also inoffizielle Kanäle der Meinungsbildung, die an der Demokratie vorbei wirken und bestimmten Gruppen Vorteile verschaffen. Es gibt nicht eine einzige Ausnahme. Die Revolutionsführer Robespierre und Lenin galten beide als unbestechlich. Zweifellos waren ihre Absichten lauter, sie wollten die Menschen ins nie gekannte Glück korruptionsfreier Gesellschaften führen. Es gelang ihnen nicht: Ihre Herrschaft mündete nach kurzer Zeit in unfassbaren Terror gegen die Bevölkerung. Die Liste der Beispiele lässt sich auf jede Gesellschaft ausdehnen.

Wir scheinen also mit Korruption genauso leben zu müssen wie mit der Schwerkraft. Dies führt zur entscheidenden Frage: Wie nachteilig sind diese inoffiziellen Machtstrukturen für unsere Leben? Daran muss sich messen, wie viel Energie für den Kampf gegen das «System» aufgewendet werden soll.

Ich kann mir nicht helfen: es ist nicht so schlimm. Man zwingt uns auf das Sofa und nicht an die Ostfront. Man verordnet uns Maskenpflicht und nicht Lagerhaft. Zudem kann ich nicht an eine Gruppe von Finsterlingen glauben, die voll böser Absicht die Regierungen lenkt und vom Virus profitiert. Deshalb schliesse ich mit der Verwunderung: Woher kommt diese fanatische Wut? Wer eine Theorie hat, melde sich bitte bei mir.

Artikel als PDF