Zurück ins Paradies

Zurück ins Paradies?

Sparen rentiert nicht mehr, die Altersvorsoge ist in Gefahr, das Inflationspotential beträchtlich. Das Fluchen auf die Negativzinsen und die andauernd steigenden Geldmengen mausert sich zum neuen Sport der Wirtschaftsinteressierten.

Ein Blick in die Vergangenheit fördert Interessantes zu Tage. Vor hundert Jahren erfreute sich die «Freiwirtschaftslehre» einer gewissen Popularität: Mit einer Geldreform sollte eine «natürliche Ordnung» geschaffen werden, in der alle Menschen frei von ökonomischen Zwängen glücklich werden können. Kern der Geldreform war eine «Umlaufgebühr», die wöchentlich mittels Marken auf die Geldscheine geklebt, eine Strafe für den Nichtgebrauch von Geld darstellte. Voriges Geld sollte damit gezwungenermassen in reale Projekte investiert werden. Gewaltige Investitionen sollten jede Form der Knappheit beseitigen und den Leuten neue Freiheiten bringen. Gemäss der Theorie wird sich die Menschheit dann dem kreativen Unternehmertum oder der Kunst zuwenden und die Kultur zu neuen Blüten führen.

Die Theorie wurde als weltfremd belächelt und starb bald wieder aus. 2019 jedoch haben wir mit den sich verbreitenden Negativzinsen genau die Situation, die den Freiwirtschaftern von damals vorschwebte. Stehen wir nun an der Tür zum Paradies?

Dafür spricht, dass die Geldschwemme, die bisher bloss an der Börse spürbar war, nun auch in der Realwirtschaft ankommt. Die Hypotheken kosten praktisch nichts, der Bund kriegt Geld, wenn er sich verschuldet. Dieses Geld wird via Staatsausgaben in Umlauf gebracht. Diese Woche hat Siemens eine Anleihe mit Negativrendite auf den Markt gebracht; die Nachfrage überstieg das Angebot um ein Vielfaches. Investitionen sind tatsächlich billig wie nie. Dadurch wird die Güterfülle noch mehr ansteigen und uns mehr Zeit lassen, um nicht zu arbeiten.

Gegen das Paradies spricht, dass sich die grundsätzliche Anreizstruktur nicht ändert. Das Gewinnstreben wird bleiben, die Wirtschaft wandelt sich nicht plötzlich ins friedliche Miteinander, das den Freiwirtschaftern vorschwebte. Auch ist fraglich, ob sich die Menschheit dank der neuen Freiheit wirklich in kulturelle Höhen erhebt – oder ob Passivität die Menschen ergreift und sie im Onlinekonsum in ihren Wohnungen vereinsamen lässt. Die Wahrheit liegt wohl dazwischen; ich bin gespannt, wie es kommt.

 

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