Flinte statt Korn: Erleben wir eine Zeitenwende?

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine macht der Begriff der «Zeitenwende» die Runde. Fertig mit dem sorglosen Überfluss-Judihui-Leben, hin zu wirtschaftlicher und menschlicher Not? Sind die goldenen Jahre wirklich vorüber? Wir wollen uns dieser Frage annähern, in dem wir drei Auswirkungen des Krieges für die Volkswirtschaft in der Schweiz und Europa beleuchten.

1. Weitere Störungen der Lieferketten

Die 70 Jahre dauernde Friedens- und Wachstumsperiode führten zu einem ausgeklügelten System weltweiter Lieferketten, das den Wohlstand explodieren liess. Alles wird dort produziert, wo es am billigsten ist. Der Einkauf leistete dazu mit seinem Kostenfokus einen entscheidenden Beitrag – wobei jedoch die Risiken der weltweiten Beschaffung vergessen gingen.

Ein bisschen Lockdown, ein bisschen das Schiff quer in den Suez stellen und schon geht nichts mehr. Und jetzt noch der Krieg. Offensichtlich sind die Selbstheilungskräfte des marktwirtschaftlichen Systems massiv überschätzt worden. Nach Lehrbuch müssten die Mängel schnell und ohne Preiserhöhungen ausgeglichen werden, da sich die Produzenten auf das Benötigte umstellen. In der Praxis ist dies nicht so einfach, denn das Angebot vermag nur sehr verzögert auf die Preisanstiege zu reagieren. Gaspipelines bauen sich nicht von heute auf morgen, die Produktion von Computerchips ist auch kein Kinderspiel. Jetzt wäre in der Ukraine die Zeit, das Sommergetreide auszusähen. Daran ist wegen der Kampfhandlungen nicht zu denken. Selbst bei einem raschen Waffenstillstand wird die diesjährige Ernte ausfallen. Die Knappheiten werden uns 2022 weiter begleiten.

 

2. Inflation

Die Inflationsraten in den USA und im Euroraum drohen ausser Kontrolle zu geraten. Die offiziellen Prognosen fürs 2022 werden jetzt schon massiv übertroffen. Für eine Inflation braucht es zwei Zutaten: Die oben beschriebene dauerhafte Knappheit der Alltagsgüter und gestiegene Geldmengen. Die Geldmengen sind in den letzten Jahren explodiert, die Wachstumstendenz ist ungebrochen.

In der Schweiz werden wir die Inflation dank des unfassbar starken Frankens als letzte zu spüren bekommen. Man wird uns noch Weizen verkaufen, wenn andere schon hungern. Dennoch ist auch hierzulande eine spürbare Teuerung zu erwarten. Die Lage ist jedoch nicht nur schlecht: Die hohe Inflation im Euroraum hat für die Schweizer Volkswirtschaft handfeste Vorteile. Die tiefere Franken-Teuerung macht unsere Firmen im Euroraum konkurrenzfähiger – so gleicht sich der Nachteil des starken Frankens aus. Dies wird der Konjunktur hierzulande helfen.

 

3. Migration

Migrationsströme verlaufen immer in Richtung höheres BIP pro Kopf. Der Krieg wird den Trend zur asymmetrischen Bevölkerungsentwicklung in Europa beschleunigen. Immer mehr Leute in den Ballungsräumen, Leere in den anderen Regionen.

Der Migrationsdruck auf die Ballungsräume wird in ganz Westeuropa zunehmen; zu den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine werden jene kommen, die nicht in den nun offen totalitären Staaten Russland oder Belarus leben wollen. Die meisten Flüchtenden werden entgegen ihrer jetzigen Absicht nicht mehr zurückgehen, sondern im Gegenteil ihre Angehörigen nachholen. Die Ukraine hat ein BIP pro Kopf von knapp 4'000 Dollar. In der Schweiz sind es 80'000 Dollar. Da muss man nicht lange überlegen, wo man leben will. Dies soll keinesfalls heissen, dass man den kriegsversehrten Menschen nicht helfen soll, es sei einfach festgestellt.

Das ganze Schweizer Mittelland ist ein Ballungsraum, eine einzige Stadt vom Bodensee nach Genf. Der Druck auf die Ökologie wird durch mehr Menschen noch grösser: Was nicht zubetoniert wird, wird vermüllt, viele Insekten, Amphibien, Reptilien und Vögel werden ganz verschwinden. Ich bin in der ökologischen Frage pessimistisch, es ist schade um dieses schöne Land.

Gleichzeitig werden in den leeren Gebieten Europas landwirtschaftliche Grossbetriebe unter chinesischem oder saudischem Kommando effizient Nahrungsmittel produzieren. Sie sehen in Europa und seinen Bewohnern bloss einen Produktionsfaktor – man muss sich schon überlegen, ob wir das wirklich wollen.

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